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01. Nebel im Kopf

Es ist ein grauer Novembermorgen. Ich sitze, die Knie ganz nah an meinen Körper gezogen, mit einer warmen Tasse Kakao in meinem beigefarbenen Lieblingssessel. Mein Blick geht gedankenverloren aus dem großen Fenster meiner Erdgeschosswohnung, direkt auf die großen, dunklen Tannen. Es scheint, als lägen sie schützend ihre langen Äste um meinen Teil des Gartens. Fast so, als würden sie damit sagen wollen „Hier in Deinem kleinen Reich ist die Welt in Ordnung, hier bist Du sicher“. Sicher. Ja, sicher fühle ich mich. Eigentlich sollte ich mich auch wohlfühlen. Wohl und vor allem eins: Zufrieden.


Das will ich auch - deswegen habe ich mich auch extra an den Herd gestellt, die Hafermilch warmgemacht und liebevoll den Kakao mit Honig, Chili, Kardamom und Zimt angerührt. Nur, jetzt sitze ich hier und fühle mich alles andere als wohlig und zufrieden. Es scheint, als spiegle die graue, ungreifbare Nebelsuppe vor meinem Fenster das Empfinden, das tief in mir schlummert, wider. Trist, ziellos, schwermütig, unzufrieden. Schon seit einigen Tagen hält sich diese Stimmung hartnäckig. Sie lähmt mich und macht mich vor allem eins: gereizt. Trotz aller Entkommensversuche mit schöner Musik, langen Spaziergängen, netten Gesprächen, leckerem Essen und Sport, will sie mich nicht loslassen. Es ist, als würde die Stimmung mich verspotten. Mich. Die Person, die ihr junges Leben bisher auf der Überholspur gelebt und all die Ziele erreicht hat, die sie sich jemals vorgenommen hat. Mein ganzer Körper sträubt sich, während mein Kopf mich regelmäßig damit tadelt, wie unangebracht diese unzufriedene Müßigkeit ist. Je mehr ich mich gegen dieses Gefühl sträube, umso hartnäckiger hält es sich.


Das perfekte Leben. Würde jemand von außen mit einer Lupe darauf blicken, gäbe es keinerlei Ausreißer. Laut Statistik müsste ich vor Glück überlaufen. Hinter jedem Punkt auf der gesellschaftlichen Qualifikationsliste für Erfolg habe ich einen Haken gesetzt. Jeden Punkt habe ich mir selbst hart erarbeitet und dafür auf so viele schöne, spaßige Dinge verzichtet. Als Sahnehäubchen sind sogar meine Eltern besonders stolz auf mich. Wenn das nicht ein vielversprechender Ausgangspunkt für innere Zufriedenheit und Glück sind!


Nur, mein Inneres scheint noch nicht verstanden zu haben, dass es an der Zeit ist, glücklich zu sein. Das Hochgefühl, dass ich einige Wochen lang nach der Verteidigung meines Doktortitels oder nach meinem ersten Vortrag vor mehreren hundert Menschen hatte, ist längst verpufft. Natürlich lässt mich die Erinnerung daran immer noch lächeln und doch ist all das bereits so selbstverständlich geworden.




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