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03. Traumleben

Ich denke kurz über die Frage nach, die mir die Stimme der kleinen Schildkröte namens Bruno gerade gestellt hat. “Träumst Du oft?” fragt die Stimme wieder.

„Ja, ich träume ganz oft. Ganz oft stelle ich mir vor, wie ich in meinem Traumleben lebe. Ich habe nämlich mal von einer sehr bemerkenswerten Frau gehört, wie wichtig es ist, sich selbst immer wieder die Frage zu stellen „Wie will ich es haben, wenn alles möglich ist?“. Nur, es ist auch genau die gleiche Frage, die mich seit einigen Tagen sehr trübselig stimmt. Mein Wunschzustand ist einfach so weit von meiner Realität entfernt.


„Hätten die Erfinder des Flugzeuges sich davon abschrecken lassen, dass sie damals noch nicht fliegen konnten, könnten wir heute nicht einfach so in der Weltgeschichte rumfliegen. Lass Dich niemals von etwas abschrecken, nur weil es heute noch nicht in Deiner greifbaren Nähe scheint“ antwortet die Stimme.

„Naja, das ist leichter gesagt als getan. Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sehe ich tagtäglich, dass die Realität eine andere ist. Kaum jemand hat es geschafft, die eigenen Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Ich traue mich noch nicht mal mehr, meine Träume offen anzusprechen. Aus Angst, die anderen könnten meine großen Träume wieder mit einem abfälligen Lächeln und den Worten „Pass bloß auf, dass Du nicht gleich abhebst!“ abtun. Das hat mich schon das letzte Mal sehr verletzt.


„Weißt Du, Sophie, der größte Fehler, den die Menschen in meinen Augen machen ist, dass sie viel zu sehr auf den Rat und die Meinung von den Menschen hören, die selbst nicht dort sind, wo sie immer hinwollten. Sie haben weder ihre Träume erfüllt, noch sprühen sie vor Glückseligkeit und Lebensfreude.

Würdest Du das Rezept von dem Bäcker haben wollen, dessen Hefezopf so trocken ist, dass Du ihn zuerst im Kakao ertränken musst, damit es Dir nicht im Hals stecken bleibt? Oder hättest Du lieber das Rezept von dem Bäcker, dessen Hefezopf es nur halb nach Hause schafft, weil Du schon auf dem Weg mit dem Naschen nicht aufhören konntest?“

„Naja, wenn Du so fragst, dann ganz klar zweites“.

„Mit dem Hefezopf ist es so wie mit dem Leben, Sophie. Die meisten Menschen glauben, dass der trockene Hefezopf normal ist. Weil der Nachbar auch nur den trockenen Hefezopf kennt und Deine Eltern Dir schon immer den trockenen Hefezopf aufgetischt haben. Also versuchen sie, die Trockenheit im Kakao, mit Marmelade, Nutella oder Schnaps erträglicher zu machen. Auf die Idee, den trockenen Hefezopf an sich in Frage zu stellen, dass es noch eine andere Art von Hefezopf geben könnte, kommt ihnen erst gar nicht in den Sinn. So weit reicht ihre Vorstellung gar nicht. Wenn sie dann jemanden kennenlernen, der von seinem saftigen Hefezopf schwärmt, suchen sie sofort nach dem Haken. Schließlich darf ein Hefezopf nicht saftig sein. Das würde ja bedeuten, dass sie die ganze Zeit etwas verpasst hätten. Oder sie suchen nach Gründen, warum sie gar keinen saftigen Hefezopf brauchen und wollen. Wenn also jemand mit einem saftigen Hefezopf ums Eck kommt, dann machen die meisten eins: Anstatt zu fragen, woher die Person diesen herrlich saftigen Hefezopf hat und wie sie dort hinkommen, reden sie die Saftigkeit des Hefezopfs madig. Viel zu viel Zucker, viel zu modern, bestimmt vegan, da sind bestimmt Stoffe drin, die süchtig machen...!


Die meisten Menschen haben Angst vor Veränderung. Angst vor dem unbekannten Neuen. Vor allem jedoch haben sie Angst davor, dass Du anders wirst - dass Du damit beginnst, den saftigen Hefezopf zu bevorzugen. Das würde nämlich bedeuten, dass sie selbst ihren trockenen Hefezopf überdenken und in Frage stellen müssten. Wenn Du also auf der Suche nach dem saftigen Hefezopf bist, höre auf die Menschen zu fragen, die sich mit dem trockenen Hefezopf zufriedengeben und auch nur diesen kennen.


Trau Dich, groß und wunderbar unvernünftig zu denken, Sophie. Behalte Dir Deine <Wie will ich es haben, wenn alles möglich ist? > - Frage unbedingt bei und lass uns all dem widmen, wie Du Dich Stück für Stück Deinen Träume näherst.




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