• Sonja Hollerbach

Warum wirft uns negatives Feedback meist mehr aus der Bahn als wir möchten?

Achtung, wenn Sie jetzt weiterlesen könnten Sie sehr viel lernen! Denn es wird wissenschaftlich.



Wie sagte der Bestseller Autor Manfred Spitzer so schön:


Wissenschaft ist das Beste, was wir haben! Sie ist die gemeinschaftliche Suche nach wahren, verlässlichen Erkenntnissen über die Welt – einschließlich unserer Selbst“.

Wie einige von Ihnen vielleicht wissen, verbinde ich in meiner Arbeit zwei Leidenschaften: die Tätigkeit als Unternehmerin sowie als Wissenschaftlerin. In meiner Promotionsforschung widme ich mich den elementaren Fragestellungen hinter dem Phänomen „Feedback“, während ich die gewonnenen Erkenntnisse praxisrelevant übersetze.


Tauchen wir nun also ein in die Erkenntnisse der Feedback-Forschung. Ziel des heutigen Tauchgangs ist der Bereich der Neurobiologie. Feedback und Neurobiologie haben mehr miteinander zu tun als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Vor allem wenn es um eine Erklärung für folgendes geht:


(1) Warum wirft uns negatives Feedback meist mehr aus der Bahn als wir möchten?

(2) An welchem Punkt führt negatives Feedback neben psychischem auch zu körperlichem Unbehagen?


In Teil 1 dieser Beitragsreihe fokussieren wir uns auf Frage

„Warum wirft uns negatives Feedback meist mehr aus der Bahn als wir möchten?“

Jeder von uns hat mit großer Wahrscheinlichkeit bereits einmal folgende Situation erlebt:


Ihr Chef ruft Sie spontan in sein Büro. Bereits auf dem Weg dorthin macht sich ein ungutes Bauchgefühl in Ihnen breit. Etwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Im Büro angekommen fordert Sie Ihr Chef mit undurchschaubarer Miene dazu auf, sich zu setzen. Ihr ungutes Gefühl verstärkt sich, voller Anspannung erwarten Sie die erste negative Botschaft. „Wie um alles in der Welt, konnte das denn passieren?“.


Ihr Puls rast, Ihre Hände fangen an zu schwitzen, während sich Ihre erste Reaktion zwischen den Optionen Rechtfertigung, Wutausbruch und Resignation bewegt. Doch warum kann bereits eine so kurze Interaktion eine so heftige körperliche Reaktion auslösen?


Tauchen wir dazu in die Welt der biologischen Abläufe der zwischenmenschlichen Interaktionen ein. Unsere biologischen Abläufe sind so gestaltet, dass wir durch verbale sowie non-verbale Signale nicht nur wahrnehmen, ob wir mit einem Freund oder Gegner interagieren – sondern auch entsprechend reagieren können. Erhalten wir Feedback, das absichtlich verfälscht, besonders kritisch, schmeichelhaft oder von begrenztem Wert für unsere eigene Weiterentwicklung ist, dann nehmen wir dieses Feedback als soziale Bedrohung wahr. Durch diese Interaktion wird in unserem Körper ein „sozialer Evaluierungsdruck“ ausgelöst, welcher eine Ausschüttung von größeren Mengen des Stresshormons Cortisol und eine gesteigerte Blutdruckreaktionen zur Folge hat. Im Vergleich zu nicht-zwischenmenschlichen Stressoren, beträgt das Cortisol Level in einer sozialen Feedback-Interaktion die dreifache Höhe.


Parallel dazu gerät unser biologisches System in den sogenannten „Kampf- oder Flucht-Modus“[1]. In diesem Modus wird unser Denken auf das Minimalste reduziert. Normalerweise werden Reize und Wahrnehmungen vom Stammhirn geprüft und als Information an das Großhirn weitergeleitet, wo - vereinfacht ausgedrückt - das Denken beginnt. Befinden wir uns allerdings im genannten Kampf- oder Flucht-Modus, erhält das Stammhirn das Signal „Gefahr“. Statt Kapazität für das Denken freizugeben, schaltet unser Großhirn in den Standby Modus, während unser Körper sich in Sekundenschnelle zwischen Kampf oder Flucht entscheidet.


Zurück im Unternehmensalltag, ist es jedoch selten, dass wir aufgrund unserer biologischen Stress-Reaktionen fliehen oder zu kämpfen beginnen. Vielmehr übersetzen wir Fluch- oder Kampfsituationen in heftige, meist emotionale verbale Rechtfertigungen und Wutausbrüche (=Kampf), oder Resignation (=Flucht). Unser Urinstinkt spielt uns noch einen anderen Streich. Unser Verstand ist durch die jahrelange Überlebenserfahrung bereits so konditioniert, dass wir Gefahren im Vorhinein erahnen – und die lebensrettende Stressreaktion bereits in unseren Gedanken auslösen können[2]. Genau in dieser Situation befinden Sie sich übrigens im Eingangsbeispiel. Die Erfahrung hat Sie geprägt – und bereits durch kleine Trigger können Sie die anstehende kritische soziale Interaktion erahnen.


Während wir früher allerdings die übermäßigen Stresshormone zu Urzeiten durch ausreichend Bewegung abbauen konnten, verhindern die Bewegungseinschränkung im Büro sowie unsere zunehmende Bequemlichkeit im Alltag einen schnellen Stressabbau. Entsprechend nimmt der Abbau des Stresshormons auf Normalniveau eine deutlich längere Zeit in Anspruch. Häufig folgt der nächste Stressimpuls unmittelbar nach dem vorhergehenden, sodass sich unser Stresslevel für längere Zeitspannen über dem gesunden Normalniveau befindet. Dazu kommt, dass das Stresshormon Cortisol eine dämpfende Wirkung auf unsere Körperfunktionen hat, weshalb häufiges Erhalten von negativem Feedback – bei unzureichender Resilienz – unter anderem zu einer Schwächung unseres Immunsystems und unserer Konzentration führen kann. Was uns also früher unser Leben gerettet hat, gefährdet heute unsere Gesundheit.


Ein Grund mehr, Feedback-Konversationen wertschätzend zu gestalten!

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Ihre Sonja Hollerbach


Literaturnachweise:


1 Jansen, A. S. P., Van Nguyen, X., Karpitskiy, V., Mettenleiter, T. C., & Loewy, A. D. 1995. Central Command Neurons of the Sympathetic Nervous System: Basis of the Fight-or-Flight Response. Science, 270(5236): 644 LP – 646.

2 Sapolsky, R. M. 2004. Why zebras don’t get ulcers: A guide to stress, stress related diseases, and coping. Natural History. https://doi.org/10.1002/cir.3880060119.


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