• Sonja Hollerbach

Wen interessieren aktuell denn noch unsere Werte?! Mitarbeiterbindung während und nach der Krise.


Die Zeit scheint relativ geworden zu sein, die Uhren ticken leiser und ruhiger. Zwischen Spekulationen, Aufrufen zu mehr Aktionismus, Einladungen zur Rückbesinnung und reiner Kapitulation bleibt Raum zum Nachdenken. Während mutige Wirtschaftspersönlichkeiten wie Mathias Döpfner ihre ersten Zweifel an der politischen Covid19 Strategie äußern, frage ich mich, wie Unternehmen es schaffen, das Vertrauen ihrer Mitarbeitenden nicht gänzlich zu verlieren.  

Kurzarbeit, Aufforderungen zur Spende von Urlaubstagen, betriebsbedingte Kündigungen. Die Illusion der Sicherheit einer Festanstellung, wie sie viele ArbeitnehmerInnen pflegten, bröckelt von einem Tag zum nächsten. Wachsende Unsicherheit und Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Hier fingen meine Alarmglocken an zu schrillen.  Denn

Unsicherheit und Unzufriedenheit gepaart mit finanzieller Abhängigkeit vom Arbeitgeber können zu einer toxischen Kombination werden.  

Also bin ich virtuell losgezogen und habe mich ins Gespräch begeben. Ins Gespräch mit meinem Umfeld in Festanstellung. Begriffe, die in jedem der 16 Gespräche genannt wurden, sind: Verantwortung, Wertschätzung und Vertrauen. Als Wissenschaftlerin weiß ich, dass 16 Gespräche keine besonders repräsentative Anzahl sind, doch 16 Mal die gleichen Worte zu hören, hat mich hellhörig werden lassen.  

Um das Wesentliche der Gespräche in meinen Worten zusammenzufassen:  

Die Krise wird zeigen, welche der Unternehmenswerte tatsächlich gelebt werden und welche als pure Worthülsen zu Image- und Marketingzwecken dienten.  

Die Frage, wie es nach Covid19 weitergeht, beschäftigt jeden von uns. Hierbei das Denken auf die Chancen zu richten, die uns dadurch eröffnet werden, ist sicherlich die angenehmste Perspektive. Doch auch diese Chancen sind unangenehm. Sie drängen uns dazu, hinter die Kulissen zu schauen. Sei es hinter die Kulissen des eigenen Unternehmens, oder der eigenen Person. Denn, wenn uns im Außen gefühlt alles genommen wird, bleibt uns nichts als die nackte Realität. Und vor dieser unschönen Realität konnten sich viele bequem verstecken. Auch Unternehmen, die bereits vor der Krise geschwächelt haben, erhalten nun die Möglichkeit, das eigene Versagen auf die Krise abzuwälzen, statt selbst die Verantwortung für die jahrelange Veränderungslethargie, Reaktionismus statt Priorisierung, mangelnde Konsequenzen oder zu optimistische (Risiko-) Kalkulationen übernehmen zu müssen. Selbst namhafte und umsatzstarke Unternehmen – unter anderem auch in der Beratungsbranche - sehen sich aktuell einer großen Ungewissheit gegenübergestellt.  

Ähnlich wie im Tierreich, in dem Katastrophen und Veränderungen alltäglich sind (teilweise auch durch unsere Lebensweise beschleunigt), leiden auch in unserer Realität die Großen und Starken am Ende der Nahrungskette, wenn die sonst nahrhafte und zuverlässige Grundversorgung lückenhaft wird.  

Das langfristige finanzielle Wohlergehen eines Unternehmens ist nicht nur das Ergebnis eines prosperierenden Umsatzes, sondern vielmehr ein Zeichen von Kongruenz. Kongruenz in Kommunikation und Aktion. Eine Kongruenz von definierten Werten und gelebter Realität. Mitglieder eines Unternehmens fühlen sich in einer kongruenten Umgebung wohl, denn sie wissen, dass aufkommende Reibungen (z.B. durch Innovation und Veränderungen) auf Sachebene stattfinden, den zwischenmenschlichen Umgang jedoch nicht bedrohen. Übertragen auf die aktuelle Situation bedeutet das, dass Folgendes: Wenn alle Stricke reißen, dann ist das letzte was bleibt, das zwischenmenschliche Band aus Vertrauen und ehrliche Wertschätzung. Ein Band, dem – wenn es denn stabil ist – auch eine solche Krise nichts anhaben kann...solange Sie es schätzen, leben und pflegen. Dieses Band geht über die reine Arbeitnehmer – Arbeitgeber – Beziehung hinaus. Denn Vertrauen und ehrliche Wertschätzung sind zwischenmenschlich und nicht vertragsabhängig. Beides ist tief verwurzelt im Umgang miteinander, unabhängig vom Arbeitsverhältnis.  

Um zurück zu den Erkenntnissen meiner Gespräche zu kommen, stelle ich an dieser Stelle eine konkrete Frage an Sie als Führungskraft:  

“Sind Sie hinter der Fassade des Daily Business nur an der Leistung Ihrer Mitarbeitenden interessiert, oder haben Sie tatsächlich ein ehrliches Interesse an der Person dahinter, ein Ohr für die Herausforderungen, Ängste, Wünsche und auch für die Ideen Ihres Gegenübers?”.  

Wertschätzung, Vertrauen und Verantwortung. Drei Schlagworte, die das zwischenmenschliche Verhältnis während und nach der Covid19-Krise prägen (werden).  

Wertschätzung bedeutet, sich für sein Gegenüber jenseits des wirtschaftlichen Kontextes und jenseits der erbrachten Leistung zu interessieren - und zwar als Person. Gehen Sie empathisch auf Ihr Gegenüber ein, versuchen Sie dessen Sichteise einzunehmen und fragen Sie nach, um sich besser in dessen Lage hineinversetzen zu können. Fragen, gepaart mit geduldigem Zuhören, suggeriert Interesse. Interesse suggeriert Wertschätzung und das alles unterstützt den offenen Austausch von Sorgen, Herausforderungen und Ängsten. Gibt es etwas Wertvolleres, als wenn Sie Führungskraft gezielt auf diese Erkenntnisse eingehen können? 

Vertrauen verlangt von Ihnen radikale Offenheit zur aktuellen Situation und zu den Maßnahmen, die Ihre Angestellten betreffen. Es bedeutet auch Berechenbarkeit Ihres Handelns und Verlässlichkeit und Aktualität der Aussagen, selbst wenn dies bedeutet, dass Sie Ihre Unsicherheit kundtun. Was wissen Sie, was wissen Sie nicht? Warum waren gewisse Entscheidungen notwendig, warum haben Sie sich für genau diese Alternative entschieden? Reduzieren Sie den Spielraum für mögliche Interpretationen! Transparenz bezüglich möglicher Szenarien stärkt das Vertrauen in Sie als Person und in Ihre Rolle als Führungskraft mehr, als leere Versprechungen.  

Verantwortung umfasst die Verantwortungsübernahme Ihrerseits, klare Kommunikation bezüglich anstehender Kurzarbeit, tatsächlicher Sicherheiten als Arbeitnehmer, erwarteter Arbeitsleistung und deren Vergütung, sowie eine realistische Darstellung der Konsequenzen. Als Arbeitgeber und als Führungskraft tragen Sie Ihren Mitarbeitenden gegenüber eine Verantwortung. Und jetzt ist es an der Zeit, zu zeigen, dass Sie diese Verantwortung tragen können.  

Wie Sie sich jetzt zeigen, zeigt Ihren wahren Charakter – und Ihren Mitarbeitenden woran sie bei Ihnen sind und auch in Zukunft sein werden.  

Schreiben Sie mir gerne und wir stärken gemeinsam das Band zwischen Ihrem Unternehmen und Ihren Mitarbeitern.  


Ihre Sonja Hollerbach

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